Katja MaechtelKatja Maechtel, Kanne, Becher und Schüsseln

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Zeitgenössische Gebrauchskeramik. Sammlung Rudolf Strasser

Betritt man den „Deutschen Saal“ der Landshuter Stadtresidenz aus dem frühen 16. Jahrhundert durch die schwere mit Intarsien geschmückte Holztür, fällt der Blick auf eine Vitrine an der Fensterseite, in der weiße Gefäße der in Düsseldorf lebenden Keramikerin Katja Maechtel ausgestellt sind. Lässt sich ein größerer Kontrast denken?
Unter der mit kostbaren Hölzern eingelegten Holzkassettendecke beansprucht die schlichte Funktionalität der an Bauhaus-Design erinnernden Objekte die Aufmerksamkeit des Besuchers sofort so mächtig, dass die Schönheit des Renaissance Raumes, den Herzog Ludwig X. 1537 gestalten ließ, und der Innenhof der Residenz tatsächlich völlig aus dem Blick geraten. Wendet man sich dem kurzen Informationstext neben der Vitrine zu, findet man folgende Aufforderung: „Man nehme 200g, 800g, 1 kg Ton bzw. das Doppelte, die Hälfte und das Dreifache, Gefäßserie und zusätzliche Ergänzungen, 2003/2010.“ Wie eine Rezeptur, wie die Einleitung zu einer Töpferanleitung liest sich dieser „Beipackzettel“ neben der Vitrine. Die Gefäße selbst bestechen durch ihre formale Schlichtheit. Ineinandergestapelt werben sie für ihre Alltagstauglichkeit und entfalten zugleich jene Schönheit, die sie im Wortsinne erst bemerkenswert macht.
In der Ausstellung „Aufgetischt!“ haben Thomas Stangier, der stellvertretende Museumsleiter der Landshuter Museen, und der Münchner Sammler Rudolf Strasser eine spannende Auswahl zeitgenössischer Keramik aus der Sammlung Rudolf Strassers präsentiert, deren kontrastreiche Vielfalt eine Gemeinsamkeit auszeichnet: Alle gezeigten Exponate belegen die Möglichkeit, Kunst und Alltag zu verbinden, sie haben die Kraft, wie Rudolf Strasser es formuliert, „… dem Alltag den Luxus individueller, kultivierter Lebensgestaltung zu verleihen.“ (Rudolf Strasser: Obsessionen zum Anfassen. Entdeckerfreuden eines Keramikliebhabers. In: Franz Niehoff: Die Welt der Gefäße. Zeitgenössische Keramik. Landshut 2000. S. 39)
Beeindruckend, wie die rund einem Dutzend zeitgenössischer Keramiker aus Deutschland, England und Japan gewidmeten Vitrinen und die an der Stirnseite des „Deutschen Saales“ angeordneten Teller so unterschiedlicher Künstler wie Georg Schwarzbach und Markus Rusch, Richard Batterham und Johannes Peters, Karl Fulle und Mizuno Hanjirô ihre Vielfalt und sinnliche Ausstrahlung vermitteln.
Besonders beeindruckend gerät der Besuch der Ausstellung, wenn man das Glück hat, an einer der als „Sammlergespräche“ angekündigten Führungen Rudolf Strassers teilnehmen zu dürfen. Rudolf Strasser hat nicht nur inzwischen an die 1500 Keramiken gesammelt, er hat Begegnungen mit Künstlern gesammelt, Freundschaften, die ihn mit den Menschen hinter seinen Schätzen verbinden, und er vermittelt in seiner Führung weit mehr als nur sein Fachwissen, das ihn zu einem ausgewiesenenen, international anerkannten Keramikexperten gemacht hat.
Rudolf Strasser lässt den Besucher teilhaben an der Sinnlichkeit und Schönheit, die in jedem einzelnen der von ihm ausgewählten und, wie er glaubhaft versichert, im Alltag benutzten „Pötte“ und Teller, Kannen und Schalen ruht. Er nimmt den Betrachter mit auf eine Reise an den Entstehungsort des jeweiligen Kunstwerks, in die Werkstatt des Keramikers, zu den in der Natur aufgefundenen Materialien, aus denen eine Glasur hier entstanden ist, zu dem Brennofen, in dem ein besonderer Glanz einem Teller dort Gestalt und Ausdruck verliehen hat.
„Keramik spiegelt unsere Welt,“ sagt Rudolf Strasser, und er dokumentiert dies z. B. durch Bilder, die seiner Trauer über die Zerstörung der Werkstatt des japanischen Künstlers, seines Freundes, Tomoo Hamada, durch das Erbeben im März diesen Jahres Ausdruck geben. Er vermittelt aber auch die Freude, die es bereitet, einen Tisch mit Geschirr Sandy Browns zu decken, Salat in Schüsseln Bernard Leachs anzurichten oder Kaffee aus den barock verspielt anmutenden Tassen Karl Fulles zu genießen.
Rudolf Strasser entlässt den Besucher selbstverständlich nicht, ohne ihn auf die Schönheit des „Deutschen Saales“ hinzuweisen und ohne zu betonen, dass Kunst, egal welcher Zeit, zum Nutzen, zum Betrachten und zum geistigen Gebrauch gleicherweise herausfordere und, dass sich dieses Betrachten erlernen und genießen lässt.

Stadtresidenz Landshut, Altstadt 79
Ab 5. Mai 2011
Täglich – außer montags –
Mai-September 9-18 Uhr
0871 / 9223890

Rudolf StrasserDer Sammler Rudolf Strasser beantwortet Fragen zu seiner Sammlung gerne persönlich.

Rudolf Strasser: Rudi37@mnet-mail.de